PULP


Du verdienst mehr-Tour 2026

Palladium, Köln
Mo, 29.06.2026
Einlass: 18:30 Uhr
Beginn: 20:00 Uhr
65,00 € zzgl. Gebühren

> Tickets
> Download Press Kit
> Video
Neu bestätigt

Vor vier, vielleicht fünf Jahren, fand sich Jarvis Cocker in der unerwarteten Situation wieder, über Gefühle zu schreiben. Lange Jahre hatte er bis dahin vor allem über Gedanken, über Ideen und Konzepte geschrieben. Doch nun waren da: Ahnungen, Vermutungen, Instinkte.

Es war eine merkwürdige Zeit. Cockers langjährige Beziehung lag auf Eis und er befand sich „inmitten eines Jahres, in dem ich mich fragte, was ich hier eigentlich mache“. Das Schreiben, so realisierte er in dieser Phase, war im Grunde wie das Leben selbst. Es schien zu leiden, wenn da kein Gefühl war. „Dann ist es eine ziemlich öde Sache“, so Cocker. „Es steckt kein Leben darin.“ Und mit dieser Erkenntnis kam die Abrechnung, die allmähliche Konfrontation mit der lang gemiedenen Wahrheit. „Ich nehme an, das war der Beginn meiner Auseinandersetzung mit… Gefühlen.“

So sind auch die Songs auf „More“, Pulps erstem Album seit 24 Jahren, durchzogen davon: Vom surrenden Verlangen, dem Auseinanderdriften von Beziehungen, den Sorgen des Elterndaseins und dem Empfinden, an bestimmte Orte, zu bestimmten Menschen zu gehören. Sie sind durchdrungen vom Kühlschrankbrummen und dem Duft von Digestive Biscuits, von nackten Füßen auf Moos und vom Nachmittagslicht, das auf Haare fällt. Mehr als alles andere aber sind sie wohl eine Einladung ans Lebendigsein, dazu, das Leben am Revers zu packen.

2023 hatten sich Pulp zum zweiten Mal wiedervereinigt und eine Reihe begeistert aufgenommener Shows in UK, Europa und Nordamerika gespielt. Nach ihrer erstmaligen Reunion 2011 hatte die Band lediglich alte Songs performt. Doch diesmal gab es mit „The Hymn of the North“ auch ein neues Stück, welches 2019 für Simon Stephens Theaterstück „Light Falls“ entstanden war. Es war durchaus ein Vergnügen diesen Song zu spielen, zumal mit den neuen Bandmitgliedern und einem Streicher-Ensemble. Doch Pläne für ein neues Album gab es zu dieser Zeit nicht.

„Ich versuche noch zu verstehen, warum genau wir beschlossen, dass es die richtige Idee sei, eine Platte zu machen“, so Cocker heute. „Es hatte zum Teil sicher mit Steves Tod zu tun.“ Steve Mackey, Pulps Bassist, starb im Frühling 2023. Und auch wenn er sich entschieden hatte, kein Teil der zweiten Reunion-Tour zu sein, blieb sein Einfluss auf die Band und ihre Musik ungebrochen. „Auch meine Mutter ist Anfang letzten Jahres gestorben. Wenn Leute, die dir so nahestehen, gehen, dann wird dir klar, dass du selbst immer noch am Leben bist. Und dass du weiter die Möglichkeit hast, etwas zu erschaffen.“

Bevor die Band zu ihrer Tour nach Nordamerika aufbrach, rief Cocker die ursprünglichen Bandmitglieder Mark Webber, Nick Banks und Candida Doyle zusammen, um ein paar neue Ideen auszuprobieren. Im Anschluss holten sie die neueren Mitstreiter Andrew McKinney, Emma Smith, Adam Betts und Jason Buckle sowie den String Arranger Richard Jones dazu. Zusammen arbeiteten sie an einer ganzen Reihe neuer Stücke – einige zuvor unvollendet, aufgegeben oder für andere Gelegenheiten geschrieben, andere brandneu.

Dann wandte sich die Band an James Ford (Arctic Monkeys, The Last Dinner Party, Fontaines DC), um die Stücke zu produzieren. Dessen Fähigkeit, mit den verschiedenartigsten Bands zu arbeiten, aber stets das Beste aus ihnen herauszuholen, erinnerte Cocker an Chris Thomas, mit dem sie 1995 bei „Different Class“ und 1998 für „This Is Hardcore“ zusammengearbeitet hatten.

Die Aufnahmen liefen so reibungslos, dass sie kaum mehr als drei Wochen dauerten, was vor allem bei Cocker für Erleichterung sorgte. „Ich hatte wirklich Sorge davor, ins Studio zu gehen, denn bei ‚This is Hardcore‘ zog sich das alles in die Ewigkeit“, erzählt er. „Das war wohl auch tatsächlich der Grund, Pulp irgendwann aufzugeben. Es dauerte einfach zu lang, Dinge fertigzustellen. Und das lag zu großen Teilen an mir selbst. Also dachte ich damals irgendwann, lasst es uns einfach stoppen. Es ist für alle eine Qual, ständig darauf zu warten, bis ich meinen Kram beisammenhabe.“

Bandhistorisch gesehen, hatte Cocker die Texte stets am Ende des Schreibprozesses verfasst – eine stressige Herangehensweise für alle. Diesmal begann es anders: „Ich dachte, nun, jetzt bist du in deinen Sechzigern. Ich sollte zumindest einmal ausprobieren, die Lyrics vorab zu schreiben. Ich kramte also meine Notizbücher und die Skizzen auf meinem Telefon hervor, so wie immer, wenn es daran geht, ein neues Album zu machen. Ich schaute mir an, was ich im Verlaufe der Zeit geschrieben hatte, um zu sehen, ob etwas dabei wäre, was Sinn ergibt, etwas Gutes. Und ob da eine Art roter Faden ist.” Die Lyrics auf „More“ scheinen denn auch eine gewisse Haltung zu teilen: „Wäre ich Lifecoach, würde ich sagen, dass es Teil des Geheimnisses des Lebens ist, einen Weg zu finden, gegenüber den guten Dingen nicht in einen Zustand der Langeweile zu verfallen. Denn man gewöhnt sich daran, dass sie da sind und beginnt, sie zu ignorieren. Erst, wenn diese Dinge verschwinden, nimmt man sie wieder wahr. Und dann ist’s zu spät: du hast’s verpatzt.“ Das könne man, so räumt er ein, sicher auch auf die Band selbst beziehen. Während Pulp zuletzt 2013 eine Single veröffentlicht hatten, machte Cocker solo weiter (neben Kollaborationen mit Chilly Gonzales und seinem Projekt JARV IS). Er moderierte zudem eine äußerst beliebte Radioshow auf 6Music und veröffentlichte mit „Good Pop, Bad Pop“ so etwas wie seine Memoiren. Die Rückkehr zur Band war eine Lektion in Anpassung und Kompromissen. „Man muss einander zuhören. Und verstehen, dass es die Kombination ebendieser Leute ist, die Pulp zu dem macht, was es ist.“

In vielerlei Hinsicht ist „More“ ein Album über das Verrinnen der Zeit geworden, über das Reifen und das Verständnis für den eigenen Platz in all dem. „Ich denke, Teil des Erwachsenwerdens ist es tatsächlich, zu lernen, Kontrolle über sich selbst zu erlangen“, so Cocker. „Sich selbst zu kontrollieren, ohne sich dabei zu erdrücken. Wenn du eine kreativ tätige Person bist, dann ist das nicht immer leicht – man kann ziemlich lang sehr unreif bleiben. Wenn man aber kreativ bleiben will, muss man sich die Zeit nehmen, erwachsen zu werden.“

Es gab in den vergangenen Jahren noch weitere Offenbarungen. Während des Lockdowns zog Cocker in sein Haus im ländlichen Derbyshire, um abseits des urbanen Lebens neue Perspektiven zu finden. „Ein interessantes Gefühl,“ wie Cocker betont, „denn man ist von einer Landschaft umgeben, die sich nie verändert. Man weiß, man wird sterben, aber die Landschaft wird dann noch immer ziemlich genauso aussehen wie jetzt. Das erdet einen. Menschen sind schnell überspannt und nehmen sich wichtig, aber im großen Ganzen bedeutet man schlicht gar nichts.“

Es war ein Therapeut, der Cocker irgendwann sagte, dass seine Art darüber zu sprechen, wie er Songs schreibe, ähnlich der der Leute sei, die von einer Perversion berichten. „Etwas, das sie hellauf begeistert, das aber ein Geheimnis ist, welches mit niemandem geteilt werden kann“, erzählt er. „Das war mindestens ein wenig… verstörend.“ Er führte es auf seine Schüchternheit zurück, auf das Streben danach, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Aber er erkannte auch, dass es eine Herangehensweise war, das Leben gewissermaßen aus der Distanz zu führen. „Ich verpackte Dinge lieber in Songs, als wirklich mit den betreffenden Leuten zu sprechen.“

Letztes Jahr hat Jarvis Cocker geheiratet. Und er betrachtet es durchaus als ein kleines Zeichen der Reife, dass er das neue Album zuallererst seiner Frau vorspielte. „Sie hat sich die Songs angehört und mag sie alles in allem. Phew.“ Am meisten, so berichtet er, möge sie wohl „Farmer’s Market“, ein Stück, das lose von ihrer Beziehung inspiriert sei. “I had nothing to base this love upon,” heißt es dort. “Nothing but a feeling / Way down at the base of my spine / That’s got nothing to do with my mind.” Es ist ein Lovesong, ein Lied über ein späteres Leben. Es ist ein Song, der uns bewusst macht, dass wir nicht ewig Zeit haben und dass wir an dem festhalten sollten, was gut ist. “Ain’t it time we started living?” lautet die Frage zum Schluss. “Ain’t it time we started feeling?”